|News

02.01.2015:

Neujahrsbrief der Schulleitung

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, liebe Mitglieder der Schulgemeinschaft des Geschwister-Scholl-Gymnasiums,

Hans Sarpei, deutsch-ghanaischer Fußballspieler, hat an Weihnachten über seine Facebook-Seite einen Satz gepostet, der mich einerseits amüsiert, andererseits aber auch nachdenklich gemacht hat. Sinngemäß lautete dieser Satz folgendermaßen: „Wenn im Stall von Bethlehem alle Flüchtlinge, alle Juden, Farbigen und alle Araber hätten draußen bleiben müssen, dann wären nur noch Ochs und Esel übrig geblieben“.

Nun ist Weihnachten ja schon ein paar Tage vorbei, und der Blick richtet sich darauf, was das Neue Jahr für uns bringen wird. Die Gespräche in diesen Tagen, aber auch die offiziellen Verlautbaren, etwa von Bundespräsident Gauck oder Bundeskanzlerin Merkel, nehmen zumeist auf die Frage Bezug, wie wir in Deutschland und in Europa mit Flüchtlingen, Einwandern, Asylbewerbern umgehen – also mit Menschen, die zu uns kommen, unsere Hilfe benötigen, hier eine Bleibe suchen, ein neues Leben beginnen wollen, die uns aber gleichzeitig auch vor Augen führen, wie schwierig, ja unmenschlich die Verhältnisse in vielen Teilen dieser Erde sind. Die öffentliche Diskussion erscheint derzeit stark überprägt vom Auftreten der so genannten Pegida-Bewegung. Angst vor dem Fremden, Angst vor Veränderung, vielleicht auch Unzufriedenheit mit den Verhältnissen hierzulande sind offenbar einige der Motive, die hier eine Rolle spielen.

Natürlich endet auch diese Diskussion nicht vor den Türen unserer Schulen und ich denke, dass wir uns ihr offensiv, mit Verantwortung und mit Vernunft stellen müssen. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns als Erziehende und als Verantwortliche in den Familien, in den Vereinen, in den Kirchen und eben auch in den Schulen der Aufgabe stellen müssen, gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen der Frage auf den Grund zu gehen, wie unsere Gesellschaft in Zukunft gestaltet sein soll. Wie können wir Menschen begegnen, die aus welchen Gründen auch immer zu uns nach Deutschland, nach Pulheim, ans GSG kommen? Heißen wir sie prinzipiell willkommen, weil sie als Menschen zu uns kommen, oder eher nur dann, wenn wir uns von ihnen einen volkswirtschaftlichen Nutzen versprechen? Setzen wir uns mit den Traditionen, den Gewohnheiten, den Denkmustern, den religiösen Überzeugungen und den Erfahrungen, mit denen Migrantinnen und Migrantinnen zu uns kommen, auseinander? Sind wir bereit, mit ihnen zusammenzuleben und sie als Bereicherung zu erleben?

Es geht in der Schule zum einen darum, Heranwachsende so zu fördern und zu begleiten, dass sie einen möglichst hochwertigen Schulabschluss erreichen und ihnen damit Chancen für ihr weiteres Leben zu eröffnen. Schule hat aber auch die Aufgabe, Kinder und Jugendliche stark zu machen für die Herausforderungen, die die Zukunft mit sich bringen wird. Hierzu gehört ganz besonders zu lernen, mit Vielfalt, mit dem Fremden, mit Andersartigkeit umzugehen. Lernen bedeutet ja immer, sich auf etwas Neues einzulassen, neugierig zu sein, sich die eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten in der Auseinandersetzung mit dem Unbekannten und dem Fremden bewusst zu machen und diese dann häufig auch zu verändern oder weiterzuentwickeln. Stärkung der eigenen Identität und dabei gleichzeitig ein fortwährende Erweiterung des eigenen Horizonts und Erfahrungsschatzes – darum geht beim Lernen, wenn es wirkliche Bedeutung für die oder den Lernenden entfaltet.

Die Themen und Anlässe für ein so verstandenes persönlich bedeutsames Lernen sind denkbar vielfältig. Dieses Lernen kann sich im Fachunterricht vollziehen etwa in der Auseinandersetzung mit den Gefühlen und Überzeugungen der Personen eines klassischen Dramas, in der Beschäftigung mit biologischen und ethischen Fragen der Genetik, beim Erlernen einer Fremdsprache, bei der Analyse eines barocken Gedichts oder beim Trainieren der Bewegungsabläufe beim Badminton-Spiel. Aber auch über den Fachunterricht hinaus können Schülerinnen und Schüler vielfältige Anlässe finden, um sich mit Unbekanntem, mit Neuem zu beschäftigen und um sich mit Andersartigkeit auseinanderzusetzen. Hier fallen mir zunächst unsere Austauschprogramme mit Partnerschulen im Inland (Thüringen), in Europa und außerhalb von Europa ein. Aber auch das Spielen einer Rolle im Schultheater, die Gestaltung eines Schulgottesdienstes oder Zusammenarbeiten von Jugendlichen und Seniorinnen und Senioren im FUKS-Projekt können Horizonte erweitern und Welten öffnen. Natürlich gilt dies erst recht für das gemeinsame Lernen von Schülerinnen und Schülern mit und ohne spezielle Beeinträchtigungen und nicht zuletzt auch für das Zusammenleben und das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen verschiedener Nationalitäten und Herkünfte bzw. mit verschiedenen Religionen.

Unbedingt erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang auch, dass es am Geschwister-Scholl-Gymnasium eine Reihe von Gruppen und AGs gibt, die sich Gedanken über die Ursachen von Flucht und Vertreibung machen bzw. die sich aktiv für Menschen einsetzen, die besondere Unterstützung benötigen. GSG One World mit dem Verkauf fair gehandelter Produkte, die Amnesty International – Gruppe mit den Unterschriftenaktionen für politisch Verfolgte, die Schülerinnen und Schüler aus dem Profilkurs SOR (SOR = Schule ohne Rassismus), die sich regelmäßig mit Kindern von Flüchtlingen in Pulheim treffen, oder die SV, die mit ihren Spenden aus den jährlichen Sponsorenläufen immer wieder klare Akzente setzt, sind hier gute Beispiele. Den Umgang mit Verschiedenartigkeit erlernen und sich aktiv für eine Gesellschaft der Vielfalt engagieren – das sind die hier die zentralen Anliegen.

Liebe Mitglieder der Schulgemeinschaft, liebe Leserinnen und Leser, in diesem Sinne wünsche ich Ihnen und euch einen guten Start in dieses neue Jahr. Uns allen wünsche ich, dass es uns an mehr und mehr gelingt, Unterschiede als Bereicherung zu erleben, uns für die Erfahrungen und die Besonderheiten der Anderen zu interessieren und am Geschwister-Scholl-Gymnasium eine Kultur der Vielfalt und der Toleranz zu gestalten.

Herzliche Grüße

Ihr / euer Andreas Niessen

Zur Übersicht...

» Seite druckenSeite zuletzt geändert am 12.07.18 14:14 Uhr