|Keiner soll auf der Strecke bleiben

Kölner Stadt-Anzeiger 2.06.2007

Pulheim – Nie mehr sitzen bleiben, besserer Unterricht und größere Eigenständigkeit: Die Versprechungen der Schulreform hören sich erst mal gut an. Die Schüler der 10b des Geschwister-Scholl-Gymnasiums wollten nachhaken. Deshalb baten sie Ministerpräsident Jürgen Rüttgers um einen Besuch im Politikunterricht. Schließlich wohnt der Ministerpräsident ja direkt um die Ecke.

„Frei heraus“

Qualitätskontrolle einmal umgekehrt, denn nach dem neuen Schulgesetz sind es eigentlich die Schüler, die ihre Leistungen bei einheitlichen Tests unter Beweis stellen müssen. „Frei heraus“, muntert Rüttgers die Schüler gleich zur Begrüßung auf, ihre Fragen zu stellen. Er sei zum „Arbeiten“ und nicht zum „Vorträgehalten“ gekommen. Als wolle er Distanz abbauen, zieht er sein Jackett aus und nimmt Platz an dem Pult, an dem sonst um diese Uhrzeit immer Politiklehrer Dietrich Kühnast sitzt.

Warum er der Einladung der Klasse überhaupt gefolgt sei, will Anika wissen. Aus Fragen könne er etwas lernen, antwortet Rüttgers. Es sei ihm wichtig, junge Leute zu treffen und von deren Problemen zu erfahren. Es sei noch nicht lange her, da habe er sich mit Schulschwänzern getroffen. Ob das zentrale Abitur nicht im Gegensatz zur vom Schulgesetz festgeschriebenen individuellen Förderung stehe? Das verneint Rüttgers entschieden. Im Gegenteil, die einheitlichen Prüfungen sorgten seiner Meinung nach für mehr Gerechtigkeit und für eine größere Durchlässigkeit. Schule solle künftig so gestaltet werden, dass keiner mehr sitzen bleibe. „Wir wollen möglichst, dass jedes Kind den höchstmöglichen Schulabschluss macht“, betont Rüttgers. Ob der Ministerpräsident danach noch konkret wird und sagt, wie genau das gehen soll, bleibt im Dunkeln. Rüttgers klärt das mit den Schülern lieber hinter verschlossener Tür. Die Jugendlichen könnten befangen sein, wenn die Leute von der Presse dabeiblieben, befürchtet Rüttgers.

Als er im Jackett und somit wieder ganz als „der Herr Ministerpräsident“ aus Raum 54c herauskommt, verteilt er gute Noten. Die Schüler seien perfekt vorbereitet gewesen und hätten nicht locker gelassen. Als Anregung nehme er mit, wie wichtig den Jugendlichen die individuelle Förderung sei. Damit auch die, die in ihrer Schullaufbahn einmal einen Durchhänger hätten, nicht auf der Strecke blieben. In die Rolle des Lehrers zu schlüpfen habe ihm Spaß gemacht. Und den Schülern auch. Rüttgers sei nicht ausgewichen, habe auf alles geantwortet und sich dafür interessiert, wie es am Geschwister-Scholl-Gymnasium laufe. Den Anstoß dafür, den Ministerpräsidenten einzuladen, hatte CDU-Bundestagsabgeordneter Willi Zylajew gegeben, als er bei der 10 b im Politikunterricht über seine Tätigkeit als Abgeordneter berichtete.

Uta Böker
» Seite druckenSeite zuletzt geändert am 21.07.07 00:07 Uhr