|Vor Zeichen und Zahlen gewarnt

Kölner Stadt-Anzeiger 16.06.2007

Pulheim - Zwei Ziele hatten die Organisatoren der Aktionstage gegen Rechtsextremismus, „Hinschauen - Courage zeigen“, am Geschwister-Scholl-Gymnasium und der Gesprächsrunde „Rechtsextremismus in Pulheim - wehret den Anfängen“ im Auge. Erkenntnisse wollten sie gewinnen über die rechte Gruppierung ANP (Autonome Nationalisten Pulheim) und ihre Motive. Zugleich wollten sie wissen, wie Lehrer, Schüler und Eltern rechten Strömungen entgegenwirken können.

Ein bisschen schlauer dürften die rund 100 Zuhörer (darunter viele Schüler, einige Lehrer, Eltern, Politiker und Kölner Sympathisanten der NPD) nach der Gesprächsrunde sein. Mit dabei waren unter anderem ein Aussteiger aus der Neonazi-Szene und ein Beamter des Verfassungsschutzes. 200 „Autonome Nationalisten“ hat der Verfassungsschutz bundesweit ausgemacht. Wie groß die Pulheimer Gruppierung ist, das konnte der Verfassungsschützer auf dem Podium allerdings nicht sagen. Er sprach von einer Hand voll Leute, die mit Aufklebern auf sich aufmerksam machten. „Sie haben keine feste Struktur, sie sind nicht in der Lage, eine Demonstration zu organisieren“, sagte er. Vor allem seit Axel Reitz, einer der bekanntesten Aktivisten der Neonazi-Szene, seine Haftstrafe absitze, fehle der Gruppe der Kopf. Dass die Gruppe keine feste Struktur hat, sei typisch, so vermeide sie, entlarvt zu werden, ergänzte ein Aussteiger aus der Neonazi-Szene. Doch warnte er davor, die kleine, strukturlose, nicht organisierte Gruppe zu verharmlosen. Die Aktivisten machten gezielt auf sich aufmerksam. „Sie gehen in den vorpolitischen Raum, zum Beispiel mit Bands.“ Will sagen: Bands, wie die „Zillertaler Türkenjäger“, transportieren und verbreiten rechte Botschaften, die auch Jugendliche ohne rechtsextreme Gesinnung hören. Zusätzlich, berichtete der Aussteiger, nutzten sie Zeichen und Zahlenkombinationen - ihm seien 120 bekannt, etwa die Zahl 1418 -, um sich ohne Worte als Sympathisanten der Szene kenntlich zu machen.

Ausgehend von seinen Erfahrungen in der Jugendarbeit appellierte der Aussteiger an Eltern und Lehrer, Kindern und Jugendlichen auch die alltägliche Erfolgsgeschichte zu gönnen, statt sie tagtäglich mit Kritik zu überschütten und zu demotivieren. Doch warnte er davor, zu lasch mit Nazis umzugehen. Bei der Arbeit mit Aussteigern folge er der Devise „Nähe zur Person, Distanz zur Sache“. „Nazis muss man als Nazis wahrnehmen, muss ihnen Grenzen aufzeigen.“ Aufmunternde Worte fand der Mann für die Schüler, die wissen wollten, was sie gegen rechte Strömungen unternehmen könnten. Mit den Aktionstagen und der Kunstaktion (Schüler haben Werbetafeln mit Bekenntnissen zu Zivilcourage gestaltet) seien sie auf dem richtigen Weg. „Findet es selbst raus. Schreibt es auf und macht eine Broschüre.“ Einem Vater, dessen Tochter von Rechten bedroht worden ist, riet ein Vertreter des städtischen Jugendamtes, Anzeige zu erstatten. Zugleich bot er der Familie ein Gespräch an.

Maria Machnik
» Seite druckenSeite zuletzt geändert am 21.07.07 01:02 Uhr