|Aktiv werden gegen rechte Auswüchse

VON BERND ROSENBAUM, 10.05.08, 07:15h

PULHEIM. An normalen Tagen sitzen im Großraum des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Schüler und brüten über Klausuren. Erst vor wenigen Tagen absolvierten die Abiturienten hier noch ihre Prüfungen. Am Donnerstag hatten sich jedoch in dem funktionalen Saal über 300 interessierte Pulheimer Bürger eingefunden, um einen Vortrag zum Thema „Neonazis im neuen Gewand“ zu verfolgen.
Aufschlussreich referierte Hans-Peter Killguss vom Kölner NS-Dokumentationszentrum darüber, dass Neonazis längst nicht mehr nur mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln auftreten. Vielmehr habe sich gerade in den letzten Jahren eine Vielzahl verschiedenster Gruppierungen gebildet, die oft erst auf den zweiten oder dritten Blick als rechtsextrem identifiziert werden könnten. So fänden sich neben NPD- und Kameradschaftsanhängern inzwischen auch Rechtsrock-Bands, Burschenschaften, Revanchisten und selbst Ökofaschos, die inhaltlich von rechtskonservativ bis zur Naziideologie reichten.
Nicht selten bedienten sich diese Gruppierungen einer eher linken Symbolik, um ihre wahren Intentionen zu verschleiern. Insbesondere die politische Pro-Köln-Partei, die mit Pro-NRW mittlerweile einen überregionalen Ableger gebildet hat, ziele auf die Mitte der Gesellschaft.

Auf keinen Fall Stillschweigen
Dass die deutlich radikaleren „Autonomen Nationalisten“ gerade in und um Pulheim mit Aufklebern und Sprühereien so aktiv seien, erklärte Killguss unter anderem mit der Verbindung zu Axel Reitz, einem der landesweit führenden rechten Köpfe, der aus Pulheim stammt und unlängst eine Haftstrafe wegen Volksverhetzung verbüßt habe.
Auf Nachfrage aus dem Publikum, was man denn als Bürger gegen rechte Auswüchse unternehmen könne, warnte Killguss davor, Stillschweigen zu bewahren in dem Glauben, den Rechten so keine Plattform zu bieten: „Zum Ignorieren ist es zu spät“, erklärte er und empfahl, jeden Aufkleber, jedes Graffito und jeden Übergriff umgehend bei der Polizei anzuzeigen.
Im Rahmen der Veranstaltung konnten sich die Besucher auch anhand von Infotafeln über die Entwicklungen in der rechten Szene informieren. Der Kölner Jugendclub „Courage“ hatte bereits vor einigen Jahren intensiv recherchiert und aus den Ergebnissen die Wanderausstellung „Rechts um - und ab durch die Mitte?“ zusammengestellt. Noch einige Tage wird sie im Gymnasium gastieren.
Ob der Infoabend würde stattfinden können, war tagelang unklar aus Furcht vor Übergriffen der „Autonomen Nationalisten“, die für den gleichen Tag eine Demo am Pulheimer Marktplatz angekündigt hatten. Erst der symbolische Schulterschluss verschiedener Vereine und Parteien in Pulheim, die bei einer Krisensitzung am vergangenen Montag ihre Unterstützung für die Schule und die geplante Aktion zusicherten, machte die Veranstaltung möglich.

Gymnasium verhält sich vorbildlich
Rechte Propaganda wird am Geschwister-Scholl-Gymnasium derzeit auch im Unterricht intensiv thematisiert. Auf Anregung von sechs Oberstufenschülern entstand zusammen mit dem Deutschlehrer Hannes Loh eine Unterrichtseinheit, in der die Schüler Aussagen aus der rechten Szene nach dem Grad der darin enthaltenen Diskriminierung bewerten sollen. „Bereits sieben Mal haben wir dieses Modul inzwischen mit großem Erfolg durchgeführt“, so einer der Initiatoren, der Abiturient Adam Balog.
Und während in der Innenstadt rechte und linke Demonstranten bis in den Abend hinein zwei Hundertschaften der Polizei beschäftigten, blieben die befürchteten Zwischenfälle am Gymnasium aus. Auch hier hatten sich Einheiten der Bundespolizei postiert. Diese mussten aber nur einmal aktiv werden und Präsenz zeigen, als sich eine Gruppe von 50 bis 60 Linken dem Schulhof näherte, um noch nachträglich an dem Vortrag teilzunehmen.
Mit dem Hinweis darauf, der Großraum sei bereits überfüllt, wurde ihnen jedoch der Zugang zum Haus verwehrt. Das Angebot, sich nach dem Vortrag die Ausstellung anzusehen, lehnten die Linken ab und zogen stattdessen wieder zurück Richtung Zentrum.

http://www.rundschau-online.de/jkr/artikel.jsp?id=1209913595848

Alle Rechte vorbehalten. © 2008 Kölnische Rundschau
» Seite druckenSeite zuletzt geändert am 13.05.08 21:31 Uhr