|Vertauschte Rollen auf der Schulbank

von Nasanin Kamani, 13.10.08, 18:30h

Pulheimer Jugendliche unterrichten Fächer wie Italienisch, Computer, Gymnastik und Kunst. Ihre Schüler: Senioren ab 50. Seit zehn Jahren gibt es in Pulheim das Projekt „Fuks“.

PULHEIM Inge Kottmar ist 72 Jahre alt - und Schülerin. Einmal die Woche drückt sie die Schulbank. Raphael Rigollet ist gerade mal 17 Jahre alt - und Lehrer. Klingt ein bisschen verdreht, ist aber durchaus sinnvoll. Denn im Pulheimer Geschwister-Scholl-Gymnasium unterrichten Schüler Senioren. „Fuks“ nennt sich das Projekt: „Forschen, Unterrichten, Kennenlernen, Staunen“.
In Zusammenarbeit mit der Marion-Dönhoff-Realschule und der Gemeinschaftshauptschule Pulheim bietet das Gymnasium allen interessierten Senioren ab 50 Jahren jeden Freitag zwischen 14 und 17 Uhr eine dreistündige Unterrichtseinheit. Groß ist die Fächerauswahl, jung sind die Lehrer, bei denen es sich um Schüler ab der neunten Klasse handelt. Je nach ihren Fertigkeiten und Stärken gestalten sie regelmäßig neue Stundenpläne. Dieses Jahr im Angebot: Englisch, Französisch, Italienisch, Computer, Umgang mit Handys, digitale Fotografie, Theater, Gedächtnistraining, Gesellschaftsspiele, Kunst und Zeichnen, Sport und Gymnastik, Seniorentanz und Pulheimer Geschichte.

„Ich nutze dieses Angebot schon seit zehn Jahren“, sagt Inge Kottmar. Vom Lern- und Schulstress hat die Pulheimer Rentnerin noch lange nicht genug. Jede Woche besucht sie ihre Lieblingskurse Englisch, Französisch und Computer - hochmotiviert, wissbegierig und voller Energie. „Der Kontakt zu jungen Leuten, der Gedanken- und Erfahrungsaustausch, die neuen Freundschaften, die zwischen Alt und Jung entstehen - das alles sind sehr erfreuliche Dinge“, so Kottmar. Besonders lobenswert findet sie das Engagement der Jugendlichen - ganz ehrenamtlich arbeiteten die Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, der Marion-Dönhoff-Realschule und der Gemeinschaftshauptschule Pulheim als Seniorenlehrer.

So auch Raphael Rigollet, der seine manchmal um das Fünffache älteren Lehrlinge ganz freiwillig und ohne Gegenleistung über „la grammaire francaise“ oder die komplexe Welt von Windows Word aufklärt. Als Halbfranzose und begeisterter Webdesigner lag es dem 17-Jährigen besonders nah, die Fächer Französisch und Computer für Fortgeschrittene anzubieten. Nun arbeitet er schon seit eineinhalb Jahren am generationsübergreifenden Fuks-Projekt mit. „Ich liebe es, anderen etwas zu erklären. Es macht Spaß, den älteren Leuten etwas nahezu bringen, das es in ihrer eigenen Jugend noch nicht gab“, so der Pulheimer Realschüler, „Wenn ich sehe, wie sie die Freude am E-Mail-Verschicken entdecken, ist das großartig. Ich werde in den nächsten Jahren auf jeden Fall weitermachen.“

Dass die Jugendlichen ihre Aufgabe als Seniorenlehrer ernst nehmen und manchmal jahrelang am Ball bleiben, beobachtet Rentnerin Kottmar schon seit dem letzten Jahrtausend - als treue Schülerin begleitet sie das Fuks-Projekt nämlich seit dem ersten Tag seiner Gründung im Jahre 1999. Gelegentlich lädt sie ihre jungen Lehrer sogar zu sich nach Hause ein. Wenn die Schüler dann nach und nach Abitur machen und keine Zeit mehr für das Projekt haben, gebe es fast jedes Mal einen traurigen Abschied. Mit jedem scheidenden „Fuks“, wie die Senioren ihre jungen Lehrer nennen, verliere man einen Freund der besonderen Art: „Es ist nämlich lange nicht mehr üblich, dass Jugendliche sich so toll um ältere Leute kümmern. Das kommt immer seltener vor“, so Kottmar.


http://www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1218660679804

Copyright 2008 Kölner Stadt-Anzeiger. Alle Rechte vorbehalten.
» Seite druckenSeite zuletzt geändert am 19.10.08 10:59 Uhr